Fünf Gedichte von Trakl

Im vergangenen Monat wurde ich von Brett Mastellar von der SUNY Oneonta gebeten, ein Stück von mir für die bevorstehende SoundGallery Veranstaltung zur Verfügung zu stellen, um es dort aufzuführen. Ein neues Projekt klang nach einer guten Idee für mich und ich begann sogleich einige Ideen mit der deutschen Stimmkünstlerin Beate Müller zu diskutieren. Seit vielen Jahren bereits interessiere ich mich für Gedichte von Georg Trakl (1887-1914), diese schienen bestens geeignet für ein Projekt wie dieses. Ich beschloss, einige seiner Gedichte mit elektronischer Musik zu unterlegen. Ich wählte Werke, die typisch für den Expressionismus vor dem ersten Weltkrieg waren. Sie sind dunkel und bedrückend, ihre inhaltlichen Aussagen/Geschichten spiegeln vage Allegorien und Bilder wider.

 

Schweigen 
Der Schlaf 
Melancholie 
Jahreszeit 
Winterdämmerung 

 

Diese Stücke wurden am 21. April 2014 an der SUNY Oneonta (USA) und nochmals am 24. April 2014 an der SUNY Fredonia (USA) aufgeführt.

 

Schweigen

 

“the Strand (3.262)” (2014). Trompete mit Max/MSP

Komposition für Trompete und Max/MSP. Am 10. Juni 2014 in Münster uraufgeführt.

Dieses Werk wurde zur gleichen Zeit komponiert wie “die Grenzen der Sprache” und ist als Zwillingsstück dazu gedacht. Aufbauend auf der selben Grundidee der Erkundung von ‘Grenzen’, basieren die kompositorischen Mittel zum Aufbau der Erzählung viel stärker auf den Rhythmus, als auf dem Tonumfang. Die beiden wesentlichen kontrastierenden Grundgedanken sind eine Abfolge von sehr schnellen Noten gegenübergestellt gegen lange Töne. Beide Extreme wurden einer weiteren kontinuierlichen Audiobearbeitung über Max/MSP unterzogen und auf diese Weise bildet die Klangfarbe eine weitere wichtige Dimension, die den Diskurs vorantreibt. Das gesamte Processing findet in Echtzeit statt und dadurch reagiert der Computer unterschiedlich in Abhängigkeit von Interpreten und Umgebung. An verschiedenen Stellen in der Partitur zeichnet der Rechner mehrere Sekunden der Solo-Trompete auf, vollzieht Transformationen und spielt diese später, als stützende Ebene hinter dem Live-Player wieder ein.

Das Arrangement der umfangreichen Hauptabschnitte wurde durch die Anwendung der fraktalen Geometrie konzipiert, wobei sich eine bestimmte “Form” jeweils über eine Mikro- und Makroebene ausdrückt. Zunächst wurde eine Reihe von Zeitabschnitten ausgewählt und ein Verhältnis zwischen allen Abschnitten wurde definiert. Diese Serie von Kennzahlen wird dann in jedem Abschnitt repliziert, wodurch ein Mikrokosmos aus Beziehungen geschaffen wird. Während der Komposition war es notwendig, die Verhältnisse etwas zu ändern. Diese Überarbeitung/Expansion/Kontraktion stärkt die fließende, organische Natur des Werks.

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Demo; ca. 20mb

“durch den Spiegel” (2013)

electronicdurch den Spiegel [through the mirror] ist ein Verweis auf die surreale Welt von Lewis Carroll’s Alice. Vertraute Klänge aus der realen Welt werden mit undenkbaren Mutationen und Verzerrungen dieser Sounds vermischt oder diesen gegenübergestellt.
Es war nicht beabsichtigt eine bestimmte Geschichte zu erzählen, vielmehr wird durch das kontinuierlich wechselnde Kaleidoskop von unbeständigen Klängen ein Gefühl der Bewegung erzeugt.

Stereo digital audio.

An der SUNY Fredonia, 2013 uraufgeführt.

“immer tiefer, immer ruhiger” (2013)

electronic1immer tiefer, immer ruhiger [becoming deeper, becoming calmer] ist eine Auseinandersetzung mit der Idee des menschlichen Atems als Grundlage für eine musikalische Geste. Für mich ist dieses Werk, Abbild einer Reihe von Atemzügen, welches tiefer in fokussierte Konzentration führt. Durch das tiefe Eintauchen in die Kontemplation separieren sich irrelevante Gedanken aus dem Bewusstsein und lösen sich auf.

Digitales 4-Kanal-Audio.

Premiere Oktober 2013 an der SUNY Fredonia.

“Red Shift” (2008). für vier Kanal digital audio

Red shift ist eine Studie zum natürlichen harmonischen Spektrum bis zum achtundachtzigsten Oberton, welches gänzlich auf der Grundschwingung von 55 Hz oder A 1 im Bass-Schlüssel basiert. Jedem Oberton wurde ein Patch auf einem 88 Tasten MIDI-Controller zugewiesen, wodurch ermöglicht wurde, jeden Oberton individuell anzusteuern und damit das Stück zu erschaffen. Die Partitur des Stückes beruht primär auf der chromatischen Tastatur-Konfiguration, was im Ergebnis zur Wiedergabe von Akkordbrechungen durch die Obertonreihe führt.

“On the Slow Side of Light” (2008). für 2 Kanal audio

Konkrete Pianoklänge dienen als Anknüpfungspunkt zwischen den vier Hauptbereichen dieser Arbeit. Die Eröffnung besteht aus trockenen manipulierten Tönen, gefolgt von einem Accelerando Abschnitt, in dem eine kurze Klavierfigur mit sich steigernder Geschwindigkeit (über 10,000bpm) wiederholt wird, bis sich die Figur in eine kontinuierliche Klangfarbe verwandelt und dann abrupt abgeschnitten wird. Darauf folgt ein mehr atmosphärischer Abschnitt, in dem vertraute Klavierklänge einer synthetisierten Klanglandschaft gegenüberstehen. Im letzten Abschnitt wird dies schließlich wieder durch die Musik der Eröffnung ersetzt.

“les cloches isolées, la nuit vide…” (2009). für cello und Max/MSP

“les cloches isolées, la nuit vide…” (Die einsamen Glocken, die leere Nacht…) ist ein spektral angetriebenes Werk rund um die Fusion des Timbres einer Glocke mit der C-Saite des Cellos. Die Zusammenführung der akustischen Welt des Cellos und der der entrückten Band-Sounds wird durch die Verarbeitung des Cello-Sounds mittels Hall und Echo und aufgrund der Bandteilverstärkungsoberschwingungen sowie vom Solisten gespielten Tonhöhen erleichtert. Diese Werk schildert eine Reihe nächtlicher Bilder, basierend auf der meditativen Prämisse, dass die “seltsamen Tiere kommen, um im ruhigen Pool zu trinken”, eine tiefgreifende Umschreibung der Offenheit eines klaren Verstandes eine ansonsten sehr schwer fassbare Schönheit wahrzunehmen. Die Klänge der Abenddämmerung sind repräsentativ für diese meditative Stille als auch für die seltsamen Bilder, die diese Stille erschafft.

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“Signe” (2009). Für Altflöte mit Max/MSP.

Signe” oder Zeichen, wurde für verstärkte Solo-Flöte und digitale Audiowiedergabe geschrieben. Der Spieler wird mit einem einzigen Mikrofon verstärkt, das dann digital verarbeitet wird. Die digitale Wiedergabe und Effekte werden durch einen einzigen Max/MSP-Patch gesteuert.

Die Erzählung des Stückes ist vom zyklischen Wechsel der natürlichen Farben der Jahreszeiten inspiriert. Bestimmte Farben wurden als Vertreter der jeweiligen Jahreszeit ausgewählt – ein kühles Blau und erdiges Braun für Frühling, ein üppiges Oliv und tiefes, feuriges Rot für den Sommer, ein zurückhaltendes Orange und ruhiges Gelb für den Herbst sowie düsteres Schwarz und Weiß für den Winter. Jeder dieser Farben wurde dann eine repräsentative Harmonie zugewiesen, wobei eine geringere Farbsättigung zu einer helleren, offeneren Harmonie führte. Lebhafteren Farben wie Rot und Orange wurden Harmonien basierend auf dem Prinzip der Frequenzmodulation zugeordnet, was zu unharmonischen Spektren führte, während die eher neutralen und inaktiven Farben wie Grün und Blau in Harmonien auf Grundlage der Naturtonreihe übersetzt wurden, insbesondere modelliert nach dem charakteristischen Klang der Flöte.

Im Laufe des Stücks wird dem Hörer trotz des intimen Klangs der Soloflöte ein Gefühl der Distanz vermittelt. Die übergeordnete Wahrnehmung ist, dass man den Wechsel der Jahreszeiten aus der Ferne beobachtet… der Eindruck einer paranormalen Erfahrung wird durch die Tatsache bestärkt, dass mehr als vier Zyklen von Harmonien (oder Jahreszeiten) innerhalb eines Zeitraums von 5 Minuten erscheinen, was auf eine veränderte Wahrnehmung von Zeit hindeutet.

Die verwendete Elektronik erweitert die Klangfarbe der Flöte und die auf den Live-Spieler angewandten Effekte diffundieren die Position der Schallquelle. Erkennbare Fragmente der Flötenlinie treten hervor und weichen zurück im Strom der elektronischen Klänge, erneut die Grenze verwischend, zwischen dem, was “real” ist und was nicht. In der Gesamtwahrnehmung basiert das Stück letztlich auf der Verzerrung der Wahrnehmung des Zuhörers – von der ungewöhnlich flinken Bewegung des poetischen “Wechsels der Jahreszeiten”, zur Mehrdeutigkeit der Schallquelle, erzeugt durch die enge Wechselwirkung zwischen der digitalen Audioquelle und der verstärkten Flöte.

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Die Arbeit ist vollständig spektral, was bedeutet, dass Harmonien aus einzelnen Klangfarben abgeleitet sind. Zum Beispiel kann eine Flötenote in einzelne Teiltöne die der Naturtonreihe folgen, aufgebrochen werden. Wenn die Flöte ein A über dem mittleren C spielt, ist der tiefste Partialton 440 Hz. Der zweite Partialton beträgt 880 Hz (ein A eine Oktave höher), der dritte 1320 Hz (eine Duodezime darüber), und der vierte 1760 HZ (zwei Oktaven über dem Grundton). Diese Serie setzt sich theoretisch unendlich fort. Einige Teiltöne dieser Serie werden lauter sein als andere und diese Varianz ist es, die es unserem Gehör ermöglicht Klangfarben zu erkennen. Jedes Instrument hat seinen eigenen “Fingerabdruck” aus Partialtönen und einer bestimmten Lautstärke eines jeden dieser Teiltöne. Diese Frequenzen können berechnet und in Tonhöhen übersetzt werden und damit kann eine Klangfarbe in Form von Akkorden neu erstellt werden. Durch Verwendung anderer mathematischer Beziehungen können andere Harmonien erzeugt werden, wie sie in der Ringmodulation und Frequenzmodulation (FM)-Synthese verwendet werden. Alle genannten konstruktiven Prinzipien führen häufig zu Frequenzen, die nicht eindeutig in ein temperiertes 12-Ton-System passen und häufig werden Vierteltöne (oder manchmal auch kleiner) eingesetzt.

Der Ursprung dieser Ausdrucksweise befasst sich mit dem Hörer direkt, im Gegensatz zu vielen Philosophien der modernen Musik. Daher ist der Einsatz von Psychoakustik von Nutzen für den spektralen Komponisten, wobei kompositorische Entscheidungen durch praktische Kenntnisse beeinflusst werden, wie unser Gehirn Klang verarbeitet. Ich habe daran gearbeitet, diesen Ansatz durch die Anwendung der kognitiven Psychologie zu erweitern und versucht, musikalische Strukturen und Entwicklungen zu schaffen, die als vom Hörer als “organisch” oder “natürlich” wahrgenommen werden.

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von Nicole McPherson durchgeführt.


Andrew Bishop von der Universität Western Sydney, Australien:

“le parallèle est devenu oblique” (2008) für Altsaxophon, Klavier, und Max/MSP.

le parallèle est devenu oblique wurde im Frühsommer 2008 geschrieben. Der Kompositionsstil stellt eine Weiterentwicklung meiner persönlichen Sprache dar; mit nun stärker in Richtung klanglicher Überlegungen (über Spieltechniken und Signalverarbeitung) verschobenem Fokus und einem mehr die Makroebene betrachtenden Ansatz zur Handhabung von Geste und letztlich Form. Ich fand die Idee attraktiv, Saxophon und Klavier zusammen zu verwenden, um eine Reihe von sich entfaltenden Strukturen und Farben zu generieren und Timbre und Harmonie in einer spektralen Art und Weise zu nutzen, um jedem Abschnitt seine eigene Identität innerhalb des Stückes zu geben. Die Instrumente werden verstärkt, jedes Signal wird einer elektronischen Verarbeitung nach bestimmten Anweisungen in der Partitur unterzogen und auf vier Kanäle geroutet, die um das Publikum herum positioniert sind. Der Titel bezieht sich auf “parallele” Rhythmen die zu “schrägen” Rhythmen werden – das allgemeine Zeitraster der Arbeit ist eine Sekunde der absoluten Zeit (♩ = 60), über die das Klavier einen verzerrten Rhythmus (♩ = 45) überlagert. Die dadurch erzeugte rhythmische Dissonanz wird zu einem wichtigen Merkmal der Arbeit.

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Richard Schwartz (Saxophon) und Kenneth Boulton (Klavier)

“Jukai” (2009). für Blockflöte, cembalo, und Max/MSP.

Das japanische Wort Jukai (树 海) bezieht sich auf ein sehr dichtes Waldgebiet und wird in der Regel verwendet, um den Wald von Aokigahara zu beschreiben, am Fuße des Berges Fuji. Der Wald von Aokigahara wird als ein vermeintliches Zentrum von übernatürlichen Kräften betrachtet, was an der ungewöhnlich hohen Zahl an Selbstmorden, die dort leider auftreten liegen mag.

Diese Werk wurde in seiner Instrumentierung von der Zeit des Barock inspiriert, und doch ist die Syntax der Musik ist vollends zeitgenössisch. Die Elektronik vermittelt einen unpersönlichen, emotional distanzierten Eindruck. Das Stück nutzt spektrale Techniken und besteht aus eine Serie von sechs großen Abschnitten, die jeweils auf den Spektren eines FM-synthetisiertem Timbres basieren. Die Noten C A Eb B C# E dienen als Grundlage, auf der ich eine weitgehend harmonische Obertonreihe aufbaute. Drei Akkorde dienen als Übergangsklangfülle, wiederum synthetisiert mit FM:

Fmsound1fmsound3Fmsound2

Diese Klänge dienen als Endpunkte, von denen aus sich das stärker “harmonische” Material hin- und weg wandelt. Die weitere Verwendung des FM ist im Digital Audio Teil offensichtlich, hier ausgelöst  von einem MIDI-Keyboard-Controller auf der Bühne. Die elektronischen Effekte (Hall und Delay auf den mikrofonierten Signalen) dienen dazu, die akustischen Instrumente auszubalancieren und zu verräumlichen, welche sonst nur einen sehr begrenzten dynamischen Bereich umfassen.

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